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Mit „Punktum“ blinde Erwachsene in Brailleschrift unterrichten

Ein Bericht unseres Mitglieds Kerstin Kolb über das Punktum Projekt des DBSV.

Das Punktum-Projekt des DBSV

Jenseits der Blindentechnischen Grundausbildung (BTG) in Berufsförderungswerken oder bei mobilen Diensten gab es für Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens erblinden, abgesehen von wenigen sehr engagierten ehrenamtlich dahingehend tätigen Menschen, kaum Möglichkeiten, um Blindenschrift zu lernen. Besonders problematisch stellte sich die Situation für Menschen dar, für die – aufgrund von Krankheit, Alter oder anderen Umständen – der Weg zurück in eine Erwerbstätigkeit nicht (mehr) in Betracht kam.
Vor diesem Hintergrund rief der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) das Projekt „Punktum“ ins Leben, welches von der Aktion Mensch gefördert wird. Im Rahmen dieses Projekts wurden Lehrmaterialien für erwachsene Brailleschrift-Lernende, allem voran ein Lehrbuch zur Vermittlung von Brailleschrift sowie eine Software für digitales Lernen, entwickelt, um einheitliche Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards für Brailleschrift-Unterricht zu schaffen. Im nächsten Schritt wurde außerdem ein Kurskonzept entwickelt, um Menschen zu befähigen – ehrenamtlich oder auf Honorarbasis – Brailleschrift zu lehren, einschließlich der dafür erforderlichen Schulung der Tastfähigkeit. Diese Qualifizierungskurse wurden 2024 und 2025 an verschiedenen Orten in Deutschland durchgeführt.

Meine persönlichen Erfahrungen in der Fortbildung zur Brailleschrift-Lehrkraft

Ich habe am Qualifizierungskurs im November 2025 teilgenommen, dem vorerst letzten Kurs dieser Art. Ehrlich gesagt hatte ich weder eine Ahnung, was mich erwartet, noch, was ich damit später mal machen will, aber ich wusste, dass ich eine sehr sichere Brailleschrift-Anwenderin bin und es im Badischen Raum außer einer Lehrkraft in Mannheim niemanden gibt, der oder die diesbezüglich aktiv ist, also meldete ich mich einfach mal an. Die Qualifizierung gliederte sich in mehrere Online-Termine am Abend und eine Woche (Montag bis Freitag) am Stück in Präsenz. Bei den Online-Abenden beschäftigten wir uns insbesondre mit theoretischen Grundlagen. Wir lernten z. B. verschiedene Phasenmodelle zur Behinderungsverarbeitung kennen und wie wir die oft ohnehin schon schwierige Situation unserer Lernenden achtsam und einfühlsam begleiten können, erarbeiteten methodisches Grundwissen, insbesondere zur Planung von Brailleschrift-Unterrichtsstunden sowie zur Ansprache und dem grundsätzlichen Umgang mit unseren Lernenden, und widmeten uns im Themenbereich „Lernen im Alter“ gezielt den spezifischen Lernvoraussetzungen und möglichen zu berücksichtigenden Einschränkungen (verminderte Tastfähigkeit, kürzere Konzentrationsspanne etc.), die mit zunehmendem Alter auftreten können. Die Präsenzwoche fand in meinem Fall in Berlin statt und umfasste, wie bereits erwähnt, eine komplette Arbeitswoche von Montag bis Freitag, wobei wir in einem schönen (und vor allem sehr übersichtlichen) Tagungshotel untergebracht waren. Kapitel für Kapitel durchkämmten wir das Punktum-Lehrbuch des DBSV und wurden in die verschiedenen Aufgabentypen und Variationsmöglichkeiten von Aufgaben eingeführt. Ebenso erkundeten wir die Punktum-Software, wobei wir nicht nur lernten, darin eigene Aufgaben zu erstellen, sondern auch einige bestehende Aufgaben selbst lösen mussten, um unsere Schüler*innen später gut anleiten zu können. Brailleschrift-Unterricht bedeutet aber nicht nur das Lernen der Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen an sich. Oft geht dem Schriftwerk eine umfangreiche Tastschulung voraus. Gerade bei späterblindenden Menschen, die auf ihren Tastsinn in dieser Ausprägung bisher nicht angewiesen waren, bedarf es hier oft einer umfangreichen Sensibilisierung. Wir bekamen diverse Materialien zur Tastschulung gezeigt, von Übungsblättern (Labyrinthe, tastbare Linien mit verschiedenen Strukturen etc.) über Tastbilderbücher bis hin zum Fühlmemory und der Arbeit mit Alltagsgegenständen aus dem eigenen Haushalt. An einem Nachmittag leerten wir mit Begeisterung Kisten mit Lego-Braille-Steinen – Legosteinen, bei denen die Noppen wie die verschiedenen Braille-Zeichen angeordnet sind – aus und entwickelten in Kleingruppen eigene Übungen, die wir der Gesamtgruppe vorstellten. Nach dem ganzen Input mussten wir unter Beweis stellen, dass wir das Gelernte wirklich verstanden haben: Am Donnerstag musste jede*r von uns eine zehnminütige Lehrprobe halten, welche – abends in der kursfreien Zeit – eigenständig vorbereitet werden musste, ferner mussten wir bei einem Quiz den Inhalt des gesamten Kurses abrufen. Bevor uns unsere Zertifikate ausgehändigt wurden, erhielten wir am Freitagvormittag noch Informationen zur Finanzierung von Braille-Unterricht, sowohl zur Ansetzung des eigenen Honorars (wenn man es auf Honorarbasis anbieten möchte) als auch über die Möglichkeiten, wie und von wem Brailleschrift-Lernende die Kosten erstattet bekommen können.
Es war ein sehr informativer und intensiver Kurs. Besonders toll fand ich, dass wir eine inklusive Gruppe sowohl mit blinden als auch mit sehenden Teilnehmenden waren, was wir alle als große Bereicherung erlebten.

Und jetzt?

Ob ich mir wirklich zutraue, Brailleschrift zu unterrichten, weiß ich noch nicht. Eine Lehrkraft, die ein gesamtes Studium Pädagogik hinter sich hat, profitiert nicht nur von jahrelanger Erfahrung, sondern muss sich nur die neuen Inhalte erschließen, um mit Hilfe ihrer im Studium erlernten Vermittlungsmethoden sehr leicht hochwertigen Unterricht gestalten zu können. Ich habe bislang absolut gar keine Lehrerfahrung und wir hatten zwar einen Inhaltsblock Didaktik, dass daraus resultierende Wissen ist aber mit dem, was eine studierte Lehrkraft an Qualität erreichen kann, meines Erachtens nicht im Ansatz vergleichbar. Trotzdem finde ich das Konzept gut, um insbesondere Ehrenamtlichen eine relativ niederschwellige Möglichkeit zu geben, eine fundierte Kenntnis über Unterrichtsmaterialien aufzubauen und eine grobe Idee, wie Brailleschrift-Unterricht aussehen könnte, zu bekommen, um Lücken in der Brailleschrift-Unterrichts-Infrastruktur durch Beratung und Lernunterstützung – insbesondere auf regionaler Ebene – schließen zu können. Vielleicht muss ich es auch einfach mal versuchen und schauen, wie es im praktischen Unterricht mit einem*einer Braille-Schüler*in klappt. Bei Fragen rund um das Erlernen von Brailleschrift darf man sich daher gerne jederzeit an mich wenden, meine E-Mail-Adresse lautet: kerspet@onlinehome.de. Weitere Informationen zum Punktum-Projekt finden Sie unter Punktum.